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Der Auftrag des Hundes

Ein kleines Gedankenspiel, um was dem Hund beim Trailen eigentlich geht

Gabriella trailt mit ihren Hunden, zumindest in freier Natur, nicht in der Stadt, frei. Bedeutet also: ohne Leine. Eigentlich ein mutiges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass es sich hier um Jura Laufhunde handelt, die nicht gerade zu jenen Rassen gehören, deren Jagdinstinkt bereits verkümmert ist. Auf die Idee, frei zu trailen, kam sie eigentlich durch eine Situation am Berg, in der ihr nur mehr eine Wahl blieb: abstürzen oder Hund auslassen. Nachdem die Fellnasen im Gegensatz zu uns Menschen naturgemäß über Allradantrieb verfügen, entschied sie sich für Letzteres. Da die Sache gut ging, der Hund nicht weglief, sondern immer in Sichtweite blieb und auf sie wartete, baute sie diese Technik aus und trailte fortan mit allen drei Hunden frei. Drei Hunde, gleicher Rasse, gleicher Erziehung und mit gleicher Ausbildung.  Sicherlich verhalten sich die Hunde nicht alle exakt gleich. Während der eine fix immer beim Hundeführer bleibt und nie außer Sichtweite geht, verschwindet die nächste schon gerne mal aus dem Sichtbereich, kommt aber dann wieder zurück, um Gabriella wieder abzuholen. Der dritte und jüngste kümmert sich gerne mal zwischendurch um andere interessante Dinge, nimmt aber dann wieder verlässlich den Trail auf und arbeitet weiter. Wer sich das nicht vorstellen kann, der kann sich dieses Video auf Youtube mal ansehen, es handelt sich hierbei um einen italienischsprachigen Fernsehbeitrag. Der Trail selbst beginnt etwa bei Minute 1:00. Der Hund (Tino) sucht hier insgesamt 3 Personen in Folge, was aber auf dem Video nicht so herauskommt, da es für den Fernsehbeitrag geschnitten wurde.

Gerade von Bloodhound-Besitzern hört man oft, dass man die Hunde keinesfalls frei laufen lassen kann, denn dann wären sie weg. Das läge so in ihrer Natur, heißt es, daher werden sie ja für die Personensuche so priorisiert. Sie wären dann zwar bei der gesuchten Person, der Hundeführer hat aber dann das Problem, dass er die Person UND seinen Hund finden muss, und zwar ohne Hund. Dumme Geschichte. Aber was Bloodhounds betrifft, wird viel erzählt und mystifiziert. Sie wären aufgrund ihrer Sturheit kaum erziehbar und seien als Hausgenossen nicht empfehlenswert. Das stimmt jedoch so nicht. Sie sind nicht notwendigerweise ewig ungehorsam und unerziehbar. Es muss halt ein richtiges Team aufgebaut werden.  Eigentlich sind die Jura Laufhunde und der Bloodhound relativ artverwandt. Dies merke ich an dieser Stelle nur mal an und lege mir diesen Fakt zur Seite.

Besitzer anderer Rassen mögen nun sagen: "Das ist schon alleine aus dem Grund gefährlich, weil der Hund, frei im Wald laufend, sofern ihm Wild unterkommt, sich dann wohl eher für dieses interessieren wird, anstatt die Spur zu verfolgen. Und außerdem haben natürlich auch all jene Recht, die da sagen, ein leinenloser Mantrailer ist auf und davon beim Opfer, dem kommen wir ja nie nach".

Dieser Meinung war ich selbst ebenfalls immer, komme aber mehr und mehr ins Grübeln, was diese Aussagen betrifft. Ich nenne zwei Tschechoslowakische Wolfhunde mein Eigen, von daher braucht mir niemand was über Jagdinstinkt, Freude am Jagen sowie ausgeprägte Neugierde oder mitunter auch Sturheit erklären. Mit dem Älteren begann ich zu trailen, bevor ich mit Gabriella zusammenarbeitete. Der Aufbau war damals so, wie es meist gelehrt und antrainiert wird. Eine Person präsentiert dem Hund ein Leckerli, macht viel Halli Galli, rennt weg um die Ecke, der Hund bekommt kurz den Geruch der Person präsentiert, sofern er in diesem Moment überhaupt dazu zu bewegen ist, sich dafür zu interessieren, und stürmt in einem affenartigem Tempo los, um die Person mit der Wurst zu verfolgen. HETZJAGD.

Dies wiederholt sich eigentlich all die Zeit, die Trails werden länger, das Halli Galli weniger bis gar nicht mehr, meist füttert die Versteckperson, aber für den Hund bleibt es eigentlich immer dasselbe -  Hetzjagd eben.

Mit der Hündin, sie ist um einiges jünger, begann ich wesentlich später zu arbeiten ,und zwar ausschließlich unter Gabriellas Regie. Kein Halli Galli. Kein Wegrennen der VP. Ruhiges Arbeiten, kein hohes Tempo, dafür mehr Augenmerk und Beobachtung auf den Hund. Der Hundeführer belohnt den Hund selbst. Trautmann Methode eben.

Bevor ich aber fortfahre, muß ich noch etwas zu meinen Hunden sagen. Der Rüde ist absolut auf mich fixiert. Er ist immer mit mir mit, todunglücklich, wenn ich nicht da bin, verfolgt mich vom Schreibtisch zur Küche, von der Küche bis vor die Toilette und wieder zurück und liegt vor der Couch, sollte ich dort sitzen oder einschlafen. Sie ist  dagegen eher wie eine Katze. Kommt, wann sie will, und lässt einen spüren, dass sie nicht auf einen angewiesen ist, geschweige denn, dass sie jemals gewillt war, auch nur annähernd einen respektablen Radius beim Gassigehen einzuhalten. Das war der Status, bevor ich begann, mit ihr ernsthaft zu trailen.

Es ergab sich dann allerdings für uns die folgende Situation. Ein Trail führte an einem extrem steilen Hang entlang, voll mit dichtem Baumbewuchs,  schon alleine war es sehr schwer, dem Hund zu folgen, geschweige denn auch noch die Leine zu handeln, die Pelznase zu beobachten und dabei nicht (abzu-)rutschen. Kurzerhand entschloss ich mich, die Leine zu lösen, da die Situation dies wirklich nahelegte und Gabriella mit von unten zurief: "Lass sie los, die rennt nicht weg, keine Angst!" Als ich nun relativ entspannt und sicheren Fußes dem Hund folgen konnte, bot sich mir ein Bild, das ich lange nicht vergessen werde. Die Hündin arbeitete zum einen völlig sicher, da sie mich, die Spaßbremse, nicht mehr mitschleppen musste, und sie entfernte sich nie weiter als 10 bis 12 Meter, wartete immer wieder auf mich, lief absolut spurtreu jeden Checkpoint ab, bis sie letztendlich bei der VP ankam und von mir ihre Belohnung kassierte.

Ich wiederholte dies später noch in zwei weiteren Versuchen und musste dabei jedesmal feststellen, dass es wesentlich einfacher ist, den Hund zu lesen, wenn die Leine ab ist, und dass er bzw. sie nicht wegläuft, egal was um sie herum passiert, sondern dass sie jedes Mal auf mich wartete, bis ich wieder aufholen konnte.

So, nun bin ich am Grübeln. Kann es nun sein, dass mein Rüde noch immer den Arbeitsmodus TRAILEN mit einer Hetzjagd gleichstellt, bei der es darauf ankommt, möglichst schnell das Würstel von der VP zu bekommen? Den kann ich immer noch nicht während eines Trails von der Leine lassen kann, auch wenn er momentan wie üblich auf mich fixiert zu meinen Füßen unter dem Schreibtisch liegt und wir schon viel an der Ausbildung geändert haben.

Und kann es sein, dass meine Hündin von Anfang an kapiert hat, auf was es wirklich ankommt? Nämlich darauf, gemeinsam als Team das Ziel zu erreichen, weil sie begriffen hat, dass dies UNSER Spiel ist und nicht IHRES oder MEINES? Sie wurde strikt nach Gabriellas Methode aufgebaut wird, und zwar von Anfang an.

Naja, ich habe so mein Gefühl, dass es daran liegen könnte, werde mich aber hüten, es hier explizit als Faktum hinzustellen, bevor sich nun wieder Leute  durch diesen Artikel falsch angesprochen fühlen. Wie in der Einleitung schon gesagt: Es handelt sich hier um reines Gedankenspiel, das zum Mit- und Nachdenken anregen soll. Nicht mehr und nicht weniger.

Nebenbei bemerkt, hat sich dieser Aufbau inzwischen auch auf das alltägliche Zusammenleben ausgewirkt. Sie bewegt sich beim Spaziergang mittlererweile immer in einem 3-5 Meter Radius um mich rum, Leine brauche ich für sie keine mehr. Betonung liegt hier auf ICH, andere Familienmitglieder durchaus schon, die trailen aber auch nicht mit ihr.

 

PS: Ach ja, und noch was: Das soll kein Aufruf dazu sein, mit euren Hunden das Trailen ohne Leine zu erlernen. Die Leine ist euer Draht zum Hund. Es sieht zwar cool aus ohne den Strick, aber in der Stadt oder in Einkaufszentren oder Bahnhöfen und ähnlichem geht´s nicht ohne Leine. Und auch auf freier Flur, wenn die Gefahr besteht, dass der Trail über Straßen führt, ist die Leine unumgänglich. Sind die Hunde nämlich konzentriert bei der Arbeit, erkennen sie die Gefahr von Straßen bzw. Kraftfahrzeugen noch weniger als sonst. Daher MÜSSEN der Hund wie auch der Hundeführer mit der Leine können. Außerdem gilt nach wie vor das oberste Credo: Erst müssen wir dem Hund lernen, was wir von ihm wollen, erst danach kann so etwas funktionieren. In diesem Artikel geht es mir um etwas ganz anderes, aber die meisten von euch haben das sicher schon mitbekommen....