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Erfolgreich Trailen einerseits, erfolgreiche Hundeerziehung andererseits. Eine Gratwanderung ?

In der normalen Alltagswelt ist es nicht erwünscht, dass der Hund an der Leine zieht oder dorthin geht, wo er hingehen will. Wir erwarten und möchten, dass der Hund dorthin marschiert, wo wir hin wollen. Suchen wir eine Person, sind wir auf seine Nase angewiesen, er soll uns also dorthin führen, wo ihn die Spur hinführt. Eigentlich gar keine so leichte Aufgabe für den Hund, wenn man sich das mal genauer überlegt.

 

"Wir haben die Zeit vergessen, wie wir früher mit ihnen gelebt haben."


Diesen Satz gab Gabriella vor kurzem  von sich, als wir darüber diskutierten, dass sich die Probleme mit Hunden in der Gesellschaft in letzter Zeit mehr und mehr häufen, und das, obwohl es mehr und mehr Hundeschulen gibt, mehr Literatur und mehr Fernsehshows über Hundeerziehung denn je.
Wer uns und unsere Ausbildungsmethoden kennt, hat bereits die Erfahrung gemacht, dass wir uns in vielen Dingen von Anderen unterscheiden und manche Dinge komplett anders angehen. So auch nun dieser Artikel zum Thema Alltagstauglichkeit von Trailern.
Wie bereits im Teaser des Artikels angemerkt, befinden wir uns hier in einer Art Dilemma. Einerseits erwarten wir von unseren Hunden, dass sie bei der Suche möglichst selbstständig arbeiten, im Alltag jedoch ist uns diese Selbsständigkeit wiederum gar nicht so recht. Während wir bei der Suche vom Hund wollen, dass er Abzweigungen ohne unser Zutun und ohne ständige Aufforderungen verlässlich ausarbeitet, beim Differenzieren von Personen eigenständig in Frage kommende Personen "abcheckt", wollen wir beim Spaziergang wiederum nicht haben, dass er in jeden Hauseingang reinzieht oder ungewollt Passanten beschnüffelt.
Das stellt doch kein Problem dar, werden nun manche sagen, ich mache mit meinem Hund Unterordnungstraining, und sobald er das Suchgeschirr angezogen bekommt, hat er in einen anderen Arbeitsmodus zu wechseln. Ist die Suche vorbei und das Geschirr abgelegt, gilt wieder Unterordnung.

Doch ist dem wirklich so ?

Oder andersherum gefragt, macht das Sinn für den Hund? Nun, wir sind keine Fans von Obedience, das ist kein Geheimnis, was aber nicht bedeuten soll, wir halten Obedience für was Schlechtes. Also bitte nicht falsch verstehen. Es ist halt mal nicht unsere Sache. Wir betreiben auch kein Agility, erfreuen uns aber dennoch an den Hunden, die da hoch motiviert über den Parcours fetzen. Allerdings sind wir der Meinung, dass Unterordnung auf der einen Seite und Trailen auf der anderen Seite nicht so recht miteinander harmonieren.
Um dies klarzumachen, möchte ich hierzu das Bild etwas überzeichnen bzw. ganz klar übertreiben:
Ein Hund, welcher als Sportart Obedience betreibt, Turniere bestreitet und hier fleißig trainiert wird, wird es als Trailer schwer haben. Einerseits soll er nichts machen, was ihm nicht eindeutig angelernt wurde, andererseits soll er seinem natürlichen Instinkt folgen und ein und denselben Hundeführer durch seine Arbeit ans Ziel bringen. Die Unterordnung wird der Hund nicht durch das Anlegen des Geschirrs abstreifen können wie eine Schlange ihre alte Haut. Ebenso wird ein guter Trailer, dem selbstständiges Arbeiten angewohnt wurde, sich nicht mit Ablegen des Geschirrs in den hörigen Obedience Champion verwandeln.
Gut, dies ist ein krass überzeichnetes Bild, aber es macht klar, dass Unterordnung ihre Auswirkungen aufs Trailen hat.
Wie soll man nun zu einem alltagstauglichen Hund kommen, der sich zu benehmen weiß, ohne jegliche Unterordnung?
Das Trailen hat mich gelehrt, meine Hunde zu lesen, und lehrt es mich eigentlich noch immer. Wer sagt denn, dass der Hund nicht auch in der Lage ist, uns zu lesen?
Eigentlich versuchen unsere Hunde ihr ganzes Leben lang, aus uns schlau zu werden, und würden wir so mit ihnen "sprechen", dass sie uns auch verstehen könnten, dann müssten wir sie gar nicht erst dazu zwingen, dass sie unsere menschliche Sprache erlernen, sondern sie würden das meiste, was wir von ihnen wollen ganz von selbst tun, sofern sie akzeptiert haben, dass wir das Sagen haben und nicht umgekehrt. "Das Sagen haben", ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck dafür, ich sollte besser formulieren, sobald wir ihren Respekt gewonnen haben und - sie sich und uns als Team sehen.
Um es mit einem anderen Beispiel darzustellen:
Die Soldaten einer Kompanie machen genau das was ihnen befohlen wird. RECHTS UM, LINKS UM, AUGEN GERADE AUS, Stube und Spind sauber halten, Bett richten etc. Dieses Verhalten wird jedem Soldaten während seiner Grundausbildung beigebracht. Er zollt seinem Vorgesetzten Respekt, sofern auch dieser ihn mit Respekt behandelt. Schön und gut, funktioniert in jeder Armee, weltweit. Aber wer würde schon seine Kinder so erziehen? Wohl die Wenigsten. Hier aber erwarten wir ebenso, dass sie tun, was wir von ihnen verlangen, und dass sie lassen, was wir ihnen untersagen, nur - auf militärischen Drill wollen wir uns hier nicht einlassen, da wir ja in einer gewissen Harmonie mit ihnen zusammenleben wollen, ihnen im großen und ganzen Gutes wollen und sie vor allen möglichen Gefahren schützen müssen, welche sie selbst nicht erkennen können. Schließlich wollen wir ja Kinder, welche uns aufgrund unserer Erfahrung und unserer Rolle als Eltern respektieren und keine Horde Söldner, die zwar mit militärischem Drill agiert, dies aber auch nur solange, solange nur der Sold stimmt.

Obwohl unsere Kinder in der Regel intelligenter sind als unsere Hunde, stellen wir uns bei der Kommunikation mit ihnen auf sie ein und sprechen mit ihnen in, je nach Alter der Kids, eine für sie verständlichen Sprache.

Anders bei unseren Hunden. Denen erklären wir alles in "unserer" menschlichen Sprache und erwarten von ihnen, dass sie einerseits, on the fly "unsere" menschliche Sprache erlernen, und andererseits gleichzeitig die Dinge, welche wir in "unserer" Sprache verlautbaren, noch dazu. Wenn es richtig gemacht wurde, stopfen wir ihnen dafür zur Belohnung ein Leckerli rein.

Übersetzt auf die Erziehung unserer Kinder würde dies bedeuten, dass wir zu unseren 4 -ährigen (deutschsprachigen) Kids sagen: "Vous avez les mains sales. Levez votre mains avant manger s.v.p!", dabei auf unsere Füße blicken und zu allem Überfluss noch eine Tafel Schokolade in der Hand halten. Wie lange wird es wohl brauchen, bis die Kinder raffen, dass es weder um die Schokolade geht, noch um unsere Füße, sondern, dass sie sich ihre schmutzigen Finger waschen sollen, bevor sie sich an den Tisch zum Essen setzen? Haben sie dann aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz kapiert, um was es geht, und führen dies auch noch aus, bekommen sie zur Belohnung die Tafel Schokolade reingestopft. Wir wundern uns dann, dass sie keinen Appetit mehr auf das eigentliche Essen haben, weswegen sie sich die Hände ja waschen mussten.

Hat man also gelernt, seinen Hund nicht nur beim Trailen zu lesen, sondern auch bei seinem täglichen Umgang mit seinen Artgenossen (hier tun sich Hundehalter mit mehreren Hunden leichter, sie haben diese Situation ja rund um die Uhr), kann man beginnen, dieses Erlernte in Form von Körpersprache (also Gestik und Mimik) am Hund anzuwenden. Hat man seinen Respekt bereits gewonnen (den elterlichen Respekt, gemäß obigen Beispiels, nicht den militärischen), und setzt die Körpersprache dann richtig ein, wird man erstaunt sein, wie der Hund plötzlich von einem Tag auf den anderen sein Verhalten ändert und das ohne ewiges Training und mühsamem Anlernen von Verhalten, welches im Prinzip gar nicht seiner Natur entspricht. Behält man diese Umgangsformen mit seinem Hund (seinen Hunden) bei, wird man schon nach ein paar Wochen feststellen, dass der Hund absolut alltaugstauglich geworden ist.

Der Hund wird es einem danken. Endlich sprechen wir eine klare Sprache mit ihm, und auch beim Trailen wird man feststellen, dass plötzlich vieles klarer wird, was vorher noch unverständlich war. Schließlich spricht das Team nun eine gemeinsame Sprache, nicht nur bei der Arbeit, sondern im gesamten Zusammenleben.

Und hier kommen wir wieder zum Zitat am Beginn dieses Artikels "Wir haben die Zeit vergessen, wie wir früher mit ihnen gelebt haben."  Früher haben die Leute weniger Bücher gelesen, um mit ihren Hunden klarzukommen, sie haben sich einfach mehr mit ihnen beschäftigt und sie genauer beobachtet.


Robert Boulanger